50:12 Torschüsse, aber nur ein Treffer gegen Österreichs Torhüterin: Deutschland gewinnt an der Frauen-WM in Esbjerg mit 2:0 gegen einen bemerkenswert disziplinierten Aufsteiger. Selma Luggin bringt die deutsche Offensive beinahe zur Verzweiflung.
Auf dem offiziellen Spielplan stand Deutschland gegen Österreich. Wer die Partie verfolgte, konnte allerdings zeitweise den Eindruck gewinnen, dass die Deutschen hauptsächlich gegen eine einzige Spielerin antraten: Selma Luggin. Die österreichische Torhüterin machte aus ihrem Arbeitsplatz eine nahezu unüberwindbare Festung. Erst nach 27:34 Minuten musste sie sich geschlagen geben. Der zweite deutsche Treffer fiel ins leere Tor.
Deutschland war von Beginn an die spielbestimmende Mannschaft. Die Österreicherinnen, als Aufsteiger in der höchsten WM-Division vertreten, konzentrierten sich auf eine kompakte Defensive. Besonders im ersten Drittel gelang es ihnen bemerkenswert gut, den gefährlichen Raum unmittelbar vor dem eigenen Tor zu schliessen.
Die Deutschen kombinierten gefällig, bewegten den Puck durch die Angriffszone und suchten den Abschluss. Allerdings kamen die Schüsse häufig aus seitlichen Positionen. Der direkte Weg durch den Slot blieb weitgehend versperrt.
Nach 20 Minuten lautete das Schussverhältnis 15:5 zugunsten Deutschlands. Auf der Anzeigetafel stand dennoch ein 0:0.
Erinnerungen an Ralph Kruegers Schweiz
Österreichs Auftritt erinnerte phasenweise an eine Spielphilosophie, mit der die Schweizer Nationalmannschaft unter Ralph Krueger einst gegen die grossen Eishockeynationen antrat.
Auch damals war die Schweiz gegen Kanada, Russland, Schweden oder Tschechien spielerisch häufig unterlegen. Kruegers Antwort darauf war eine disziplinierte Defensivorganisation: Räume verengen, den Slot schliessen, die gegnerischen Angriffe nach aussen lenken und auf einen starken Torhüter vertrauen.
Natürlich ist Österreichs heutige Mannschaft nicht mit der damaligen Schweiz gleichzusetzen. Doch der taktische Grundgedanke ist vergleichbar: Wer gegen einen stärkeren Gegner nicht über die spielerischen Mittel verfügt, muss ihm zunächst die gefährlichen Räume nehmen.
Genau das versuchten die Österreicherinnen. Und sie machten ihre Sache über weite Strecken beachtlich.
Jobst-Smith findet die Lücke
Im zweiten Drittel erhöhte Deutschland den Druck deutlich. Die deutsche Mannschaft kam nun auch häufiger aus zentraleren Positionen zum Abschluss. Österreich wurde zunehmend in die eigene Zone zurückgedrängt und konnte offensiv kaum noch für Entlastung sorgen.
Das Schussverhältnis im Mitteldrittel von 20:2 verdeutlichte die Kräfteverhältnisse.
In der 28. Minute fiel schliesslich die deutsche Führung. Katarina Jobst-Smith traf nach Vorarbeit von Lilli Welcke und Carina Strobel zum 1:0.
Der Treffer sorgte zunächst für Diskussionen. Unmittelbar vor dem Tor kollidierte eine deutsche Angreiferin mit Selma Luggin. Bei genauerer Betrachtung zeigte sich allerdings, dass die Deutsche durch den Check einer österreichischen Spielerin in die Torhüterin befördert worden war. Der Treffer war deshalb regulär.
Für Luggin war es ein unglücklicher Moment. Ausgerechnet in einer Partie, in der sie die deutsche Offensive immer wieder zur Verzweiflung brachte, fiel das entscheidende Tor nach einer solchen Szene.
48 Paraden – und noch immer kein Durchkommen
Auch im Schlussdrittel änderte sich wenig am grundsätzlichen Spielbild. Deutschland kontrollierte die Partie, Österreich verteidigte mit grossem Einsatz, und Selma Luggin stand weiterhin im Mittelpunkt.
Die deutsche Mannschaft erspielte sich insgesamt 50 Torschüsse. Doch nur einer der 49 Abschlüsse auf Luggins Tor fand den Weg ins Netz.
48 Paraden und eine Fangquote von 98,0 Prozent unterstreichen die aussergewöhnliche Leistung der österreichischen Torhüterin.
Bereits am Vortag gegen Tschechien hatte Luggin mit 42 Paraden auf sich aufmerksam gemacht. Dass mit ihrer jüngeren Schwester Magdalena eine weitere Torhüterin zum österreichischen WM-Kader gehört, ist eine zusätzliche interessante Randnotiz dieser Weltmeisterschaft.
In Esbjerg war allerdings Selma die Hauptdarstellerin.
Das zweite Tor fällt erst ohne Luggin
In der Schlussphase setzte Österreich alles auf eine Karte. Beim Stand von 0:1 verliess Luggin zugunsten einer sechsten Feldspielerin ihr Tor.
Die Hoffnung auf den Ausgleich dauerte allerdings nur wenige Sekunden. Bei 58:28 Minuten traf erneut Katarina Jobst-Smith, diesmal nach Zuspiel von Celina Haider und Jule Schiefer, ins verwaiste österreichische Tor.
Deutschland hatte damit seine zwei Treffer. Und irgendwie passte es zum Spielverlauf, dass die Deutschen für den zweiten warten mussten, bis Selma Luggin ihren Arbeitsplatz verlassen hatte.
Eine Niederlage, die dennoch Mut macht
Am Ende stand ein verdienter deutscher 2:0-Erfolg. Das Schussverhältnis von 50:12 lässt keinen Zweifel daran, welche Mannschaft die Partie bestimmt hatte.
Doch die Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte.
Österreich zeigte als Aufsteiger eine bemerkenswerte defensive Disziplin, grosse Einsatzbereitschaft und eine Torhüterleistung, die den spielerischen Unterschied lange auf ein Minimum reduzierte.
Offensiv bleiben die Grenzen deutlich sichtbar. Mit lediglich zwölf Torschüssen lässt sich eine Partie gegen einen etablierten Gegner nur schwer gewinnen. Zudem wurde Österreich mit zunehmender Spieldauer stärker unter Druck gesetzt, und die defensive Ordnung konnte nicht mehr sämtliche gefährlichen Abschlüsse verhindern.
Dennoch bietet dieser Auftritt eine Grundlage, auf der die Österreicherinnen aufbauen können.
Die Schweiz hat unter Ralph Krueger einst vorgemacht, wie eine Mannschaft zunächst über defensive Stabilität den Anschluss an stärkere Gegner finden kann. Ob Österreich einen ähnlichen Entwicklungsweg einschlagen kann, werden erst die kommenden Jahre zeigen.
Für den heutigen Abend bleibt jedenfalls eine bemerkenswerte Erkenntnis:
Deutschland gewann gegen Österreich mit 2:0. Gegen Selma Luggin stand es allerdings nur 1:0.