Der Greif zerfeddert den Adler

Philipp Grubauer #30, Rudolfs Balcers #21, IIHF World Championship 2026 GER – LAT, Swiss Life Arena, Zürich © Puckfans.at / Andreas Robanser
Deutschland schlägt sich mit dem 0:2 gegen Lettland selbst. Und eine Frage stellt sich: Wie ist der Zustand in diesem Team?

Deutschland verliert gegen Lettland 0:2 – und es war nicht einfach nur eine Niederlage. Es war ein Auftritt, der Fragen aufwirft. Nicht nur nach verpassten Chancen, nicht nur nach einem starken lettischen Torhüter, nicht nur nach einzelnen Fehlern. Sondern nach dem inneren Zustand dieser Mannschaft.
Deutschland verlor nicht nur Zweikämpfe und Scheiben. Deutschland wirkte phasenweise, als fehle der innere Zugriff auf das eigene Spiel. Genau deshalb wird die Trainerfrage lauter werden. Nicht zwingend, weil Harold Kreis die Kabine verloren hat — das wäre ohne Einblick eine Behauptung. Aber weil diese Mannschaft auf dem Eis nicht so aussieht, als würde sie mit voller Überzeugung für ihren Plan spielen.

Stefan Loibl #15, Sandis Vilmanis #23, Leon Gawanke #9, IIHF World Championship 2026 GER – LAT, Swiss Life Arena, Zürich © Puckfans.at / Andreas Robanser

Schon im ersten Drittel war wenig von jener deutschen Energie zu sehen, die man von dieser Mannschaft erwarten würde. Kein wirklicher Zug zum Tor, wenig Härte, kaum sichtbares Vertrauen. Deutschland war zwar auf dem Eis, aber es wirkte zu oft so, als spiele man halt mit, weil das Spiel nun einmal angesetzt war.
Lettland musste dafür kein Feuerwerk abbrennen. Es reichte, wacher, klarer und konsequenter zu sein. In der elften Minute gab es je zwei Minuten gegen Buncis wegen übertriebener Härte und gegen Seider wegen Schwalbe. Auch diese Szene brachte Deutschland nicht wirklich ins Spiel. Die Partie blieb zäh, aber Lettland wirkte zielgerichteter.
Kurz vor der ersten Pause fiel das 0:1. Dzierkals brachte Lettland in Führung. Andersons nahm Grubauer vor dem Tor perfekt die Sicht, Grubauer reagierte in die falsche Richtung, und der Schuss sass. Das Tor war kein Zufallsprodukt aus dem Nichts. Es war einfache Eishockeylogik: Verkehr vor dem Tor, klare Aktion, Abschluss. Genau das, was Deutschland selbst zu selten auf das Eis brachte.

Kai Wissmann #6, Haralds Egle #97, Philipp Grubauer #30, IIHF World Championship 2026 GER – LAT, Swiss Life Arena, Zürich © Puckfans.at / Andreas Robanser

Mit einer Strafe gegen Balcers wegen hohen Stocks ging Deutschland in Überzahl ins zweite Drittel. Es wäre die Gelegenheit gewesen, sofort eine Reaktion zu zeigen. Doch auch daraus entstand zu wenig. Deutschland bekam keine echte Wucht in sein Spiel, keine längeren Druckphasen, keine sichtbare Verschiebung des Moments.
Auch im zweiten Drittel blieb das Bild ähnlich. Deutschland hatte phasenweise mehr Schüsse, aber Lettland hatte mehr Wirkung. In der 25. Minute zeigte sich das besonders deutlich. Zunächst traf Smits den Pfosten, danach verlor Deutschland defensiv die Ordnung. Drei deutsche Spieler orientierten sich auf einen Letten, Lettland spielte die Scheibe nach oben an die blaue Linie, brachte sie wieder herunter zu Balcers – und der zog vor das Tor und hämmerte die Scheibe unter die Latte.
Das war stark gemacht von Lettland. Aber aus deutscher Sicht war es vor allem ein bitteres Symptom: zu wenig Zugriff, zu wenig Klarheit, zu wenig Konsequenz. Während Lettland aus seinen Momenten Gefahr machte, sammelte Deutschland zwar Abschlüsse, aber zu selten echte Wirkung.
Die beste deutsche Chance des zweiten Drittels hatte Samanski in der 33. Minute. Doch Gudlevskis packte einen starken Save aus und hielt die Null. Es war nicht die einzige Szene, in der Deutschland an ihm scheiterte. Aber es wäre zu einfach, diese Niederlage nur am lettischen Torhüter festzumachen. Gudlevskis war stark. Deutschland machte es ihm aber auch zu oft nicht schwer genug.

Roberts Mamcics #55, Kristofers Bindulis #4, Martins Dzierkals #17, Oskars Batna #95, IIHF World Championship 2026 GER – LAT, Swiss Life Arena, Zürich © Puckfans.at / Andreas Robanser

Auffällig war zudem Lettlands defensive Struktur. Die Letten verteidigten nicht starr, sondern wechselten innerhalb einzelner Shifts zwischen kompakter Mitte und Umbrella-Staffelung. Mal war der Slot dicht, mal kam Druck auf den Puckträger, mal war der Weg zurück an die blaue Linie erschwert. Lettland spielte defensiv mit jener Klarheit, die Deutschland fehlte.
Das dritte Drittel hätte die deutsche Antwort bringen müssen. Stattdessen wurde es endgültig zum Beleg für den schwachen Auftritt. In der 43. Minute musste Lapinskis wegen Hakens auf die Strafbank. Deutschland bekam also früh im Schlussdrittel ein Powerplay. Doch statt Druck aufzubauen, brachte Deutschland keinen Schuss auf das lettische Tor. Noch schlimmer: Lettland kam in Unterzahl zu einem Breakaway und scheiterte nur an Grubauer.
Diese Szene fasste das Spiel zusammen. Deutschland hatte formal die Chance, zurückzukommen. Lettland hatte die gefährlichere Aktion.
Auch danach blieb Deutschland zu harmlos. Samanski kam in der 54. Minute nochmals zu einer guten Möglichkeit, schoss aber erneut Gudlevskis an. In der Offensivzone wurde Deutschland immer wieder nach aussen gedrängt, körperlich bearbeitet und phasenweise herumgeschubst. Lettland liess die DEB-Auswahl kleiner aussehen, als sie ist.
Ab der 55. Minute zog Deutschland mehrfach Grubauer vom Eis, um mit einem zusätzlichen Feldspieler doch noch den Anschluss zu erzwingen. Aber auch mit sechs gegen fünf fehlte die letzte Klarheit. Kein sauberer Rhythmus, zu wenig Durchschlagskraft, zu wenig Präsenz vor dem Tor. Lettland verteidigte hart, strukturiert und entschlossen. Deutschland rannte an, aber es wirkte nicht wie ein Aufbäumen aus voller Überzeugung. Am Ende blieb es beim 0:2.

Eric Mik #12, Haralds Egle #97, Manuel Wiederer #56, IIHF World Championship 2026 GER – LAT, Swiss Life Arena, Zürich © Puckfans.at / Andreas Robanser

Lettland verdiente sich diesen Sieg nicht nur mit Kampf, sondern auch mit Struktur. Die Letten waren klarer in den entscheidenden Momenten, verteidigten intelligenter, machten vor dem eigenen Tor konsequent sauber und nutzten ihre Chancen besser. Der Greif zerfedderte den Adler nicht mit Spektakel, sondern mit Ordnung, Biss und der besseren inneren Spannung.

Für Deutschland ist diese Niederlage deshalb mehr als ein schlechter Abend. Sie ist ein Warnsignal. Eine Mannschaft kann verlieren. Sie kann an einem starken Torhüter scheitern. Sie kann auch einmal nicht ins Spiel finden. Aber wenn sie über weite Strecken ohne Zug, ohne Härte und ohne sichtbares Vertrauen auftritt, dann geht die Analyse tiefer.
Dann geht es nicht mehr nur um Schüsse, Fehler oder verpasste Chancen. Dann geht es um die Frage, ob diese Mannschaft noch weiss, wie sie unter Harold Kreis spielen will. Und ob Harold Kreis sie noch erreicht.
Nach diesem 0:2 gegen Lettland wird Deutschland diese Frage nicht mehr los.

Stimmen zum Spiel:
Leon Hüttl: Wir bekommen viele Scheiben vor das Tor, vielleicht müssen wir vor dem Tor einfach nur pressender sein. Mit dreckigen Toren gewinnen wir Spiele, so aber nicht. Wir sind eine große Nation und wir können mit alle mithalten.
Philip Grubbauer: Wir haben eigentlich Gas gegeben sind gut in die offensive Zone und die Scheibe dort behalten. Wir haben aber nicht die ganz großen Chancen greiert. Es war nicht so als ob die Letten so toll gespielt hätten wir haben es ihnen teilweise auch geschenkt.

Photo Gallery IIHF World Championship 2026 GER – LAT 0:2