Schwinger legt den eigenen KAC aufs Kreuz

Der KAC führte gegen Fribourg-Gottéron nach 40 Minuten mit 1:0 und hatte den Schweizer Meister lange erstaunlich gut im Griff. Dann genügte eine einzige Zweiminutenstrafe, um die Partie vollständig zu drehen. Drei Powerplay-Tore innerhalb von 67 Sekunden machten aus der Klagenfurter Führung ein 1:3 – und aus Simeon Schwinger unfreiwillig den Hauptdarsteller eines ziemlich schweizerischen Abends.

Manchmal schreibt ein Eishockeyspiel seinen Titel praktischerweise gleich selbst.

Dabei sah es nach 40 Minuten überhaupt nicht danach aus, als müsste man beim KAC über Schwingen, Hosenlupf oder sonstige schweizerische Eigenheiten sprechen. Die Klagenfurter führten gegen den amtierenden Schweizer Meister mit 1:0 und hatten bis dahin vieles richtig gemacht.

Fribourg begann mit dem erst 19-jährigen Elijah Neuenschwander im Tor, der damit auf europäischer Bühne eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe erhielt. Auf der anderen Seite stand mit Sebastian Dahm ein wesentlich erfahrenerer Mann zwischen den Pfosten.

Das erste Drittel blieb torlos. Beide Mannschaften arbeiteten konzentriert, Fribourg brachte mehr Scheiben Richtung Klagenfurter Tor, ohne Dahm entscheidend zu überwinden. Auch das erste Powerplay der Freiburger nach einem hohen Stock von Tobias Sablattnig brachte nichts ein.

Im zweiten Drittel bekam dann zunächst der KAC mehrfach die Gelegenheit, sein Überzahlspiel zu zeigen. Yannick Rathgeb musste innerhalb von gut vier Minuten zweimal auf die Strafbank – zuerst wegen Beinstellens, später wegen Behinderung. Fribourg überstand beide Situationen.

Und bei 32:37 belohnte sich Klagenfurt.

Raphael Herburger brachte den KAC bei ausgeglichenem Personal mit 1:0 in Führung. Eine Führung, die durchaus verdient wirkte. Die Gastgeber verteidigten diszipliniert, hielten Fribourg immer wieder aus den wirklich gefährlichen Räumen heraus und beschäftigten Neuenschwander auf der Gegenseite regelmässig.Nach 40 Minuten stand deshalb ein Resultat auf der Anzeigetafel, mit dem man in Klagenfurt sehr gut leben konnte.
KAC 1, Fribourg 0.

Michael Kapla #3, Maximilian Preiml #64, Jesper Jensen Aabo #41, Simeon Schwinger #16, Raphael Herburger #89, Thomas Hundertpfund #27, Champions Hockey League EC KAC – HC Fribourg-Gotteron, Heidi Horten Arena Klagenfurt, © Andreas Robanser / Puckfans.at

Und dann kam Schwingen.
Für österreichischen Leser ist an dieser Stelle möglicherweise eine kleine schweizerische Kulturlektion notwendig.Schwingen ist unser traditioneller Ringsport. Ziel ist es, den Gegner auf den Rücken zu legen. Dabei greift man an eine eigens dafür getragene Schwingerhose, und zu den bekanntesten Techniken gehört der Hosenlupf.

Simeon Schwinger gelang es am Samstagabend tatsächlich, jemanden aufs Kreuz zu legen.

Bedauerlicherweise war es der eigene KAC.

Bei 43:20 erhielt Schwinger wegen hohen Stocks eine Zweiminutenstrafe.

Und nun kommt die Besonderheit der Champions Hockey League ins Spiel: Ein Powerplay-Tor beendet eine kleine Strafe nicht automatisch. Die Uhr läuft weiter. Erst nach Ablauf der zwei Minuten – oder unter den entsprechenden CHL-Regeln bei einem Shorthander des Teams in Unterzahl – ist Schluss.

Für den KAC wurde daraus ein ausgesprochen unangenehmer Loading Loop.

Bei 43:57, gerade einmal 37 Sekunden nach Beginn der Strafe, traf Jonas Taibel nach Vorarbeit von Jan Dorthe und Michael Kapla zum 1:1. Die Strafe lief weiter. Bei 44:54 erzielte Jacob de la Rose nach Zuspiel von Kevin Nicolet und Lucas Hedlund das 1:2. Die Strafe lief weiter. Und nur zehn Sekunden später, bei 45:04, traf erneut Jonas Taibel. 1:3. Drei Powerplay-Tore innerhalb von 67 Sekunden.

Aus einer Klagenfurter Führung war innerhalb etwas mehr als einer Minute ein Zwei-Tore-Rückstand geworden. Und als wäre diese Geschichte nicht bereits kurios genug, bekam sie auch noch einen kleinen österreichisch-schweizerischen Nebenschauplatz.
Denn Jonas Taibel ist Österreicher. Zwei der drei Freiburger Treffer in dieser verhängnisvollen Unterzahl schoss also ausgerechnet ein Österreicher im Trikot des Schweizer Meisters. Nur der Schwede Jacob de la Rose hielt es offenbar für nötig, die Torproduktion zwischendurch etwas internationaler zu gestalten.Wer wollte, konnte darin fast eine Form grenzüberschreitender Amtshilfe erkennen. Sportlich war die Wendung allerdings weniger scherzhaft.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der KAC sehr viel richtig gemacht. Nach 40 Minuten führte Klagenfurt, hielt den Gegner weitgehend unter Kontrolle und hatte durchaus Möglichkeiten, dem Schweizer Meister die erste Niederlage seiner Österreichreise zuzufügen.Dann genügte eine einzige Strafe.
Gerade darin liegt die Brutalität der CHL-Regel. In vielen nationalen Wettbewerben wäre nach Taibels erstem Powerplay-Tor Schluss gewesen. Schwinger hätte die Strafbank verlassen, das Spiel wäre bei 1:1 mit fünf gegen fünf weitergegangen. Hier aber durfte Fribourg weiter Überzahl spielen. Und die Freiburger nutzten jede Sekunde davon. Die Zahlen unterstreichen, dass der Sieg insgesamt keineswegs aus dem Nichts kam. Fribourg produzierte mehr Abschlüsse und kam gemäss Expected-Goals-Modell auf 3,40 xG, der KAC auf 1,85. Die modellierte Siegchance lag am Ende bei 70 Prozent für Gottéron.
Besonders auffällig: Jonas Taibel kam alleine auf 0,94 Expected Goals und war damit auch statistisch der gefährlichste Freiburger Spieler des Abends.
In den offiziellen Teamstatistiken standen am Ende 55 zu 40 Abschlüsse und 27 zu 22 Schüsse aufs Tor zugunsten der Gäste. Fribourg gewann zudem 32 Faceoffs, Klagenfurt 23.Aber genau deshalb erzählt das nackte Endresultat das Spiel nur unvollständig.
Denn über zwei Drittel hatte der KAC den Schweizer Meister keineswegs wie eine Mannschaft aussehen lassen, die kurz davorstand, das Spiel innerhalb von 67 Sekunden zu entscheiden.

Nach dem 1:3 wurde es zunehmend ruppiger. Bei 55:52 kam es zu einer ganzen Reihe von Strafen. Auf Klagenfurter Seite kassierten Maximilian Preiml und Nicholas Petersen Strafen, Preiml erhielt zusätzlich fünf Minuten sowie eine Spieldauerstrafe wegen unsportlichen Verhaltens. Bei Fribourg mussten Jan Dorthe und Simon Seiler wegen Roughings raus.
Und auch danach blieb es turbulent. Bei 57:39 erwischte es den KAC erneut – diesmal wegen zu vieler Spieler auf dem Eis. Fribourg nahm unmittelbar danach sein Timeout. Am Resultat änderte sich nichts mehr.
Neuenschwander brachte die Partie mit seinen 19 Jahren souverän zu Ende. Der junge Freiburger Torhüter parierte 21 von 22 Schüssen und kam damit auf eine Fangquote von rund 95 Prozent. Dahm stoppte auf der anderen Seite 24 von 27 Schüssen.

Dami gewann Fribourg-Gottéron auch das zweite Spiel seiner Österreichreise. Nach dem 4:2 bei den Graz99ers folgte in Klagenfurt ein 3:1 – allerdings auf völlig andere Art. In Graz benötigten die Freiburger im Schlussdrittel 39 Sekunden, um aus einem 1:1 ein 3:1 zu machen. In Klagenfurt dauerte die entscheidende Phase diesmal 67 Sekunden. Vielleicht sollte man in Österreich langsam misstrauisch werden, wenn Fribourg im letzten Drittel eines engen Spiels plötzlich für ungefähr eine Minute sehr konzentriert aussieht.

Und damit wären wir wieder bei Simeon Schwinger. Im Schweizer Nationalsport wäre es eine ausgezeichnete Leistung, den Gegner sauber auf den Rücken zu legen. Am Samstagabend in Klagenfurt war es eher ungünstig. Schwinger legte tatsächlich eine Mannschaft aufs Kreuz. Nur leider die eigene.

Stimmen zum Spiel:
Head Coach Roger Rönnberg: Es war für uns ein gutes Spiel mit so vielen Spieler die heute nicht dabei waren. Dies ist in der Champions Hockey League nie einfach. Wir haben dann den Fokus auf den dritten Abschnitt gelegt und ich bin froh das wir das Spiel gewonnen haben.
Jonas Taibel: Es war kein einfaches Spiel aber schlussendlich sind wir zufrieden das wir die drei Punkte geholt haben. Es ist sehr schön in Österreich zwei Tore zuschiessen und einen Teil der Familie habe ich ewig nicht mehr gesehen und so ist es wenn sie alle hier sind sehr schön zwei Tore zu schiessen.