Warum die Schweiz Kanada fordern wird – und die USA Dritte wird

Olympic Games 2022 Hockey Men
Gold Medal Game FIN – ROC
Gold Medal Winner Finland
National Indoor Stadium, Beijing © Andreas Robanser
Mit der NHL Rückkehr ist das olympische Männerturnier wieder dort, wo es hingehört: bei maximaler Qualität.
Puckfans versucht einen Blick  in die Glaskugel.

Kanada, USA, Schweden und Titelverteidiger Finnland gelten als klassische Medaillenkandidaten. Doch Olympia ist kein WM-Marathon. Gruppeneinteilung, Turnierbaum und Kaderbreite entscheiden – und genau dort wird das Turnier interessant.

Gruppe A: Qualität ohne Verschnaufpause

Kanada – Schweiz – Tschechien – Frankreich
Kanada geht als klarer Favorit ins Turnier. Mit Connor McDavid (Edmonton Oilers), Nathan MacKinnon (Colorado Avalanche), Sidney Crosby (Pittsburgh Penguins) und Verteidigern wie Cale Makar verfügt das Team über das vielleicht höchste Tempo und die grösste individuelle Durchschlagskraft. Die einzige offene Frage bleibt das Goaltending – Kanada braucht keinen Hexer, nur Stabilität.
Sidney Crosby über die NHL Rückkehr: „Manchmal fühlt es sich an wie 12 Jahre, an anderen Tagen wie gestern. Es ist einfach großartig. Die Vorfreude war riesig, seit wir erfahren haben, dass wir wieder zu Olympia fahren, und dann die Bekanntgabe des Teams. Es ist einfach toll, wieder mit den Jungs zusammen zu sein, rauszugehen, zu trainieren, das Tempo zu spüren und hier anzufangen, besser zu werden und ein richtiges Team zu werden.“
„Das Turnier ist keine Playoff-Serie, in der man erst einmal vorsichtig vorgehen muss, daher kann sich der Spielverlauf von Phase zu Phase aufgrund vieler verschiedener Faktoren leicht ändern.“

Tschechien ist schwer einzuschätzen. Mit David Pastrňák (Boston Bruins), Martin Nečas (Colorado Avalanche) und Tomáš Hertl (Vegas Golden Knights) ist viel Offensive vorhanden. Gleichzeitig bleibt Tschechien eine Stimmungsmannschaft: Läuft es, ist sie brandgefährlich, kippt es früh, fehlt oft die Konstanz.

Die Schweiz bringt Tiefe statt Glamour. Mit Nico Hischier (New Jersey Devils), Roman Josi (Nashville Predators), Nino Niederreiter (Winnipeg Jets) sowie weiteren NHL-Spielern ist sie über vier Linien ausgeglichen. Im Tor stehen mit Akira Schmid (Vegas Golden Knights) sowie den erfahrenen Leonardo Genoni und Reto Berra verlässliche Optionen. Frankreich ist klarer Aussenseiter und primär Punktelieferant.

Yohann Auvitu #88, ICEHL Round 44 Black Wings Linz – HCB Südtirol, Linz AG Eisarena, © Puckfans.at / Andreas Robanser

Bei den Franzosen mit dabei ist Yohann Auvitu von den Black Wings Linz. Dieser zollt Frankreichs Kapitän Pierre-Edouard Bellemare respekt.: Wir müssen uns einfach an ihm orientieren und es ihm nachmachen. 700 Spiele in der NHL zu bestreiten, ist eine harte Nuss. So lange durchzuhalten, bis fast 41, ist außergewöhnlich, deshalb haben wir größten Respekt vor ihm.

Gruppe B: Prestige, aber mit Fragezeichen

Schweden – Finnland – Slowakei – Italien

Schweden kommt mit enormer Qualität in der Defensive. Victor Hedman (Tampa Bay Lightning), Erik Karlsson (Pittsburgh Penguins) und Rasmus Dahlin (Buffalo Sabres) bilden eine der stärksten Abwehrreihen des Turniers. Offensiv hängt viel davon ab, ob Spieler wie William Nylander (Toronto Maple Leafs) oder Lucas Raymond (Detroit Red Wings) zur richtigen Zeit explodieren. Ein Medaillenplatz ist Pflicht – Gold aber kein Selbstläufer.

Finnland ist Titelverteidiger, wirkt aber verletzlich. Ohne Aleksander Barkov fehlt ein zentraler Baustein. Stars wie Mikko Rantanen (Dallas Stars), Sebastian Aho (Carolina Hurricanes) und Roope Hintz müssen mehr tragen als geplant. Die Defensive mit Miro Heiskanen bleibt Weltklasse, im Tor ist Juuse Saros solide, aber nicht überragend. Finnland bleibt gefährlich, aber weniger dominant als 2022.

Brunecker Juraj Slafkovský #20, Montreal Canadiens, © Puckfans.at / Andreas RobanserDie Slowakei lebt stark von Juraj Slafkovský (Montreal Canadiens). Dahinter fehlen Tiefe und ein Top-Goalie auf NHL-Niveau. Italien ist klarer Aussenseiter. Realistisch wird der beste Gruppenzweite aus dieser Gruppe kommen – ein wichtiger Faktor für die direkte Viertelfinalqualifikation.

Italien geht als Aussenseiter in dieses Turnier doch der gedraftete Pustertaler Damian Clara bringt es auf den Punkt: „Die Chance zu gewinnen ist gleich null, wenn man nicht spielt, und wir werden spielen. Unser Ziel muss es sein, uns mit jedem Spiel zu verbessern. Es geht nicht nur um die Olympischen Spiele, sondern auch um die Turniere danach. Das ist eine großartige Gelegenheit, als Team und als Spieler individuell zu wachsen.“

Gruppe C: Die USA vorneweg, dahinter Chaos

USA – Deutschland – Lettland – Dänemark

Die USA sind Favorit auf den Gruppensieg. Mit Auston Matthews (Toronto Maple Leafs), Jack Hughes (New Jersey Devils), Brady Tkachuk (Ottawa Senators) sowie den offensivstarken Verteidigern Quinn Hughes und Zach Werenski ist das Team breit aufgestellt. Die Frage ist weniger das Talent als die Gesundheit – mehrere Schlüsselspieler kommen aus verletzungsgeprägten NHL-Saisons.

Deutschland ist extrem top-heavy. Leon Draisaitl und Tim Stützle geben Starpower, Moritz Seider Stabilität in der Defensive. Dahinter fällt das Niveau jedoch deutlich ab. Ein Viertelfinaleinzug ist möglich, ein tiefer Lauf eher unwahrscheinlich.

Lettland bringt starke Goalies wie Elvis Merzļikins und Artūrs Šilovs, lebt vom Kollektiv, hat aber offensive Limits. Dänemark setzt auf Erfahrung mit Frederik Andersen im Tor und Nikolaj Ehlers in der Offensive, wirkt jedoch alterslastig. Diese drei Teams nehmen sich gegenseitig Punkte weg – ein klarer Vorteil für die USA.

Ein klares Gold – dahinter ein offenes Turnier

Die Ausgangslage vor Turnierbeginn ist ungewöhnlich klar – und zugleich trügerisch. Kanada ist der logische Goldfavorit. Tiefe, Tempo, individuelle Klasse und Erfahrung sprechen für Kanada, und nichts deutet darauf hin, dass dieses Team über zwei Wochen hinweg wirklich einbrechen sollte. Alles andere als Gold wäre eine Überraschung.

Dahinter beginnt jedoch das eigentliche olympische Spiel. USA, Schweden, Finnland, Tschechien und die Schweiz bewegen sich auf einem Niveau, auf dem Tagesform, Gesundheit, Special Teams und Goaltending den Ausschlag geben. Die Unterschiede sind kleiner als die Namen vermuten lassen.

Die USA verfügen über enorme individuelle Qualität, tragen aber eine hohe körperliche Hypothek aus der NHL-Saison und stehen unter Erwartungsdruck. Schweden bringt vielleicht die beste Defensive des Turniers mit, sucht aber offensive Konstanz. Finnland ist Titelverteidiger, wirkt jedoch weniger geschlossen als 2022. Tschechien kann jedes Team schlagen – oder sich selbst aus dem Turnier nehmen, wenn Rhythmus und Emotionen kippen.
USA Head Coach Mike Sullivan : Wir haben eine Vorstellung davon, mit welcher Aufstellung wir starten wollen, und das wird sich in den nächsten Tagen konkretisieren. Was wir an unserem Kader besonders schätzen, ist seine Vielseitigkeit. Wir haben viele Center, die auch auf dem Flügel spielen können.“ „Wir können die Aufstellung flexibel gestalten, je nachdem, wie die einzelnen Reihen oder die Spieler performen.“

Roman Josi #90, Olympic Games 2026 Mens Hockey , Milano Santa Giulia Arena, © Puckfans.at / Andreas Robanser

Genau hier liegt die Chance der Schweiz. Sie kommt nicht als Favorit, aber als eine der strukturiertesten Mannschaften des Turniers. Tiefe statt Glamour, Stabilität statt Überschwang, Turniererfahrung statt Etiketten und wenig Eitelkeiten im Team. In einem Olympiaformat, das keine langen Korrekturphasen erlaubt, ist das ein Vorteil. Die Gruppeneinteilung zwingt die Schweiz früh in den Wettbewerbsmodus, ohne sie zu überfordern – ein klassisches Setup für einen späten Lauf.
Roman Josi über die Medaillen Chance: „Das ist unser Ziel. Wir wissen, was auf uns zukommt. Wir können großes Selbstvertrauen in unser Spiel haben. Das ist eine ganz andere Herausforderung als die Weltmeisterschaften, aber wir haben schon einige sehr gute WM-Turniere gespielt.“
Josi glaubt das dieses Team zugleich die stärke Schweizer Auswahl ist die es je gab: „Ich denke schon. Es ist das erste Mal, dass wir alle zusammen spielen. Natürlich hatten wir schon einige sehr gute Weltmeisterschaften, aber es fehlten immer ein paar Spieler, und dies ist das erste Mal, dass wir alle zusammen spielen.“

So entsteht ein realistisches Szenario: Kanada setzt sich durch. Dahinter wird es zur Lotterie. Wer im Halbfinale den falschen Abend erwischt, findet sich plötzlich im Spiel um Bronze wieder. Und genau dort könnten die Rollen neu verteilt werden. Dass die Schweiz Kanada fordern kann, ist kein Märchen. Dass die USA im Kampf um Platz drei landen könnten, kein Affront. Es ist die logische Folge eines Turniers, das offen ist wie lange nicht mehr.