Schweiz zwingt Kanada an die Grenze

Renata Fast #14, Sarah Fillier #10, Shannon Sigrist #9, Andrea Brändli #20, Olympic Games 2026 Womens Semifinal CAN – SUI, Santa Giulia Arena, Milano © Puckfans.at / Andreas Robanser
Kanada gewinnt das olympische Halbfinale gegen die Schweiz mit 2:1. Doch wer nur das Resultat liest, verpasst die Geschichte dieses Abends.

Die Schweiz zwang den Titelverteidiger an die Grenze – taktisch, mental und physisch.
Die Ausgangslage war klar: Kanada hatte gegen die Schweiz bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften in 19 Partien nie verloren, das Torverhältnis betrug 133:9. Es war das dritte olympische Halbfinale zwischen beiden Nationen nach Sotschi 2014 (3:1) und Peking 2022 (10:3), beide Male holte Kanada später Gold. Im kanadischen Kader standen mit Sarah Fillier, Kristin O’Neill sowie Kayle drei Teamkolleginnen von Nicole Vallario bei den New York Sirens im Aufgebot. Auffällig zudem: keine Spielerin der Boston Fleet im kanadischen Aufgebot. Auf Schweizer Seite spielte Alina Müller – und sie war erneut ein Faktor.

Renata Fast #14, Laura Zimmermann #11, Olympic Games 2026 Womens Semifinal CAN – SUI, Santa Giulia Arena, Milano © Puckfans.at / Andreas Robanser

Das erste Drittel war ein Lehrstück in Struktur. Die Schweiz variierte im Forechecking zwischen 1-1-3 und 1-2-2, nahm Tempo aus dem kanadischen Spiel und schloss konsequent die Mitte. Kanada kam zwar zu Abschlüssen – das Schussverhältnis kletterte auf 13:1 –, doch echte Slot-Dominanz entstand zunächst nicht. In der 10. Minute kassierte Emma Maltais zwei Minuten wegen eines illegalen Checks, doch auch diese Situation brachte Kanada nicht in den Rhythmus.
Kurz nach dem Seitenwechsel kam die erste wirklich gefährliche Torchance der Kanadierinnen. In der 21. Minute musste Andrea Brändli einen Abschluss von Marie-Philip Poulin entschärfen. Es blieb beim 0:0 – verdient.Mit dem langen Wechsel erhöhte Kanada den Druck. In der 22. Minute fiel das 1:0 auf unglückliche Weise: Die Scheibe wurde noch leicht abgelenkt und sprang direkt vor Brändlis Schaufel auf – unhaltbar. In der 29. Minute folgte das 2:0. Hinter dem Schweizer Tor wurde eine Verteidigerin überlaufen, der Rebound landete bei Poulin, die nachsetzte und verwertete.

Marie-Philip Poulin #29, Stefanie Wetli #18, Olympic Games 2026 Womens Semifinal CAN – SUI, Santa Giulia Arena, Milano © Puckfans.at / Andreas Robanser

Mit diesem zweiten Treffer schrieb Poulin Geschichte. Sie erzielte ihr 20. olympisches Tor und überholte damit Hayley Wickenheiser, die zuvor mit 18 Treffern den Rekord gehalten hatte. Poulin ist nun alleinige Rekordtorschützin im olympischen Frauen-Eishockey.
Dazwischen gab es Strafen auf beiden Seiten: Poulin (32., Bandencheck), Turnbull (34., Haken) und die Schweizerin Quennec (38., übertriebene Härte) sassen je zwei Minuten auf der Sünderbank. Im Penalty Killing kontrollierten die Schweizerinnen die Stöcke der Kanadierinnen stark und verhinderten klare Abschlüsse aus dem Slot. Zwischenzeitlich lautete das Schussverhältnis 22:3 für Kanada – und dennoch war das Spiel strukturell enger, als es die Zahlen vermuten liessen.

Ann-Renée Desbiens #35, Leoni Balzer #68, Marie-Philip Poulin #29, Olympic Games 2026 Womens Semifinal CAN – SUI, Santa Giulia Arena, Milano © Puckfans.at / Andreas Robanser

Das dritte Drittel gehörte der Schweiz. In der 42. Minute klärte Brändli ein 1-gegen-1 souverän zur Seite. Drei Minuten später fiel der Anschlusstreffer: Alina Müller arbeitete sich hinter dem Tor durch, sah Rahel Enzler im Slot – Enzler schob ein. Es war erst das zehnte Schweizer Tor gegen Kanada bei Olympia und Weltmeisterschaften. Das Spiel kippte. Kanada wurde nervös, verlor im Aufbau die Präzision und produzierte Icing unter Druck. Die Bank wirkte unruhig. Die Schweiz forecheckte aggressiver im 2-1-2, blieb dabei aber kontrolliert. Colin Müller kürzte die Bank situativ und brachte Stalder, Müller und Enzler vermehrt aufs Eis. Der Ausgleich lag in der Luft.
In der Schlussphase ging die Schweiz rund zweieinhalb Minuten vor Schluss ohne Torhüterin. Die Partie war offen. Doch in der 59. Minute nahm eine Strafe gegen Ivana Wey (illegaler Check) der Schweiz die letzte Möglichkeit, das 6-gegen-5 sauber aufzuziehen. Kanada brachte den Vorsprung über die Zeit.
Das 2:1 ist ein kanadischer Sieg. Aber es war kein Spiel der Überlegenheit. Die Schweiz kontrollierte lange die Mitte, zwang Kanada in hektische Phasen und hatte im letzten Drittel das Momentum auf ihrer Seite. Entscheidend waren Details: ein abgefälschter Puck, ein Rebound, eine Strafe im falschen Moment.
Kanada steht im Final. Doch an diesem Abend war der Favorit nicht komfortabel. Und das ist die eigentliche Botschaft dieses Halbfinals.

Stimmen zum Spiel:
Head Coach Colin Muller (SUI): Wir haben nicht viele Anbassungen zum ersten Spiel gemacht. Dort haben wir zwei Drittel gut gespielt und haben drei Powerplay Tore gegeben. Wir haben nicht so gespielt wie wir wollten und zu Beginn haben eher zugeschaut. Im Dritten Drittel haben wir bewiesen das wir es können wenn wir mehr Eislaufen.
Lara Stalder (SUI): Wir sind hier her gekommen mit der Erswarteung ein Spiel zu gewinnen, aber man muss nicht einen guten Start hinlegen wir müssen 60 Minuten gut spielen. Aber Kanada ist ein besonderes Spiel. Aber wir haben uns heute, bei allen Respekt mehr erwratet.
Wir haben zu zögerlich begonnen und dem Spiel eher zugeschaut als gespielt, so wakelig wie Kanada heute war und mit der Leistung des 3.Drittels hätten wir gewinnen können. Daraus müssen wir lernen.

Photo Gallery Olympic Games 2026 Womens Semifinal CAN – SUI 2:1